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Der Buntspecht und sein Vorkommen im Südwestfälischen Bergland

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1. Einleitung

Der Buntspecht oder Große Buntspecht (Dendrocopos major, Syn: Picoides major) ist im Südwestfälischen Bergland die häufigste und wahrscheinlich auch bekannteste Spechtart. Dieser Beitrag bietet Informationen zu seiner Biologie und Ökologie. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Rolle, die der Buntspecht im komplizierten Beziehungsgeflecht des Ökosystems Wald einimmt.

Abb. 1: Der Buntspecht ist im Südwestfälischen Bergland allgemein verbreitet und häufig. Fundort des abgebildeten Exemplares: Höveringhausen bei Balve. Foto: Wilhelm Waltermann

2. Der Buntspecht

2.1 Beschreibung

Mit 22-23 cm Körperlänge ist der Buntspecht etwa drosselgroß und damit etwas größer als der Mittelspecht, der einzigen anderen schwarz-weiß-roten Spechtart im Sauerland. Männchen und Weibchen lassen sich vor allem dadurch unterscheiden, dass die Männchen im Nacken einen roten Fleck haben. Beide Geschlechter zeigen allerdings karminrote Gefiederfärbung im hinteren Rumpfbereich und auf der Schwanzunterseite (vgl. Abb. 1 und 2). Jungtiere weisen darüber hinaus einen roten Scheitel auf, welcher später verschwindet und durch schwarze Federn ersetzt wird. Der Oberkopf ist ansonsten bei Männchen und Weibchen schwarz, während die Wangen weiß gefärbt sind. Rücken und Flanken sind schwarz-weiß, der Bauch weiß gefärbt.

Abb. 2: Buntspecht an einem Baumstamm. Beachte die kräftigen Krallen. Brustbereich und Kehle haben sich durch den Kontakt mit den Bäumen schmutzig orange gefärbt. Foto: Wilhelm Waltermann.

Manchmal erscheinen Bauchseite und Kehle allerdings auch orange oder düster-beige. Ursache dieses Phänomens ist andauernder Berührungskontakt mit Baumstämmen (vgl. Abb. 2). Die Spannweite des Buntspechtes erreicht bis zu 39 cm und übertrifft damit jene des Mittelspechtes von etwa 34 cm bei weitem.

2.2 Schnabel, Nahrung und Nahrungsaufnahme

Der Buntspecht zählt innerhalb der Spechte zur Gruppe der Hackspechte (BLUME & TIEFENBACH 1992). Als Hackspechte werden Spechte bezeichnet, die ihre Nahrung zum Teil dadurch suchen, in dem sie in das Holz von toten oder sterbenden Bäumen hacken. Ihnen werden traditionell die Erdspechte gegenübergestellt, welche ihre Nahrung primär auf dem Boden suchen. Allerdings sucht der Buntspecht seine Nahrung nicht ausschließlich durch Hacken. Er ist im Gegensatz zu anderen Hackspechten dazu in der Lage, seinen Schnabel relativ weit zu öffnen,  zuzubeißen und z. B. Pflanzensamen zu halten. Auf diese Weise kann er Koniferen, Hasel- und Wallnüsse über längere Strecken im Schnabel transportieren und in sicherer Deckung verzehren (BLUME & TIEFENBACH 1992, eigene Beobachtungen).

Der Buntspecht ist hinsichtlich seiner Ernährungsweise ein Allesfresser und lebt nicht nur von Samen. Neben den bereits erwähnten Nüssen und Zapfen sind Insekten ein weiterer wichtiger Nahrungsbestandteil. Unter der Rinde sitzende Gliedertiere werden durch Aufhacken des Holzes erbeutet (BLUME & TIEFENBACH 1992). Sitzen Käferlarven versteckt oder verkeilt in unzugänglichen Ritzen, kommt die lange Zunge des Spechtes zum Zuge, welche 3-4 cm aus dem Schnabel herausgestreckt werden kann. Sie besitzt zahlreiche nach hinten geknickte Hornspitzen, welche als Widerhaken dienen und dem Specht dabei helfen, die Käferlarven aus Ritzen und Gängen hervorzuziehen.

Der Anteil verschiedener Insektengruppen an der jeweiligen Nahrungszusammensetzung des Spechtes kann je nach Jahreszeit und Region stark variieren. Einzelne Arten können, wenn sie reichlich vorhanden sind, sehr große Teile der Beute ausmachen. BLUME & TIEFENBACH (l.c.) erwähnen in diesem Zusammenhang Eichenwickler (Tortix viridana), Schnaken und Blattläuse. Vermehren sich bestimmte Insekten stark und sind deshalb besonders leicht verfügbar, spezialisieren sich die Buntspechte zeitweise auf diese Arten. Wenn Samen von Koniferen wie zum Beispiel Fichtensamen sehr reichlich verfügbar sind, spezialisieren sich die Spechte auf diese. Im Extremfall ernähren sie sich dann bis zu neun Monate lang ausschließlich von Koniferensamen (vgl. BLUME & TIEFENBACH l.c.). Die Zapfen der Nadelbäume werden dabei durch die Spechte sehr effizient bearbeitet. Für einen Fichtezapfen werden bis zu 20, für einen Kiefernzapfen dagegen nur 3-4 Minuten benötigt. BLUME & TIEFENBACH (l.c.) erwähnen, dass Buntspechte Douglasienzapfen verschmähen, sind sich aber über die Ursache dieses Phänomens nicht im Klaren.

Gelegentlich ergänzt der Buntspecht sein Nahrungsspektrum durch Baumsaft. Baumsaft wird im Phloem (Bast) des Baumes transportiert und ist nährstoffreich, da er gelöste Kohlyhydrate und Aminosäuren enthält. Er wird durch die Spechte gewonnen, indem sie reihenweise Löcher in bestimmte Bäume hacken und den austretenden Baumsaft mit der Zunge oder dem Unterschnabel aufnehmen (BLUME & TIEFENBACH l.c.). Dieses Verhalten wird in der Ökologie als Ringeln bezeichnet.

Beobachtungen des Verfassers auf dem Nettenscheid bei Altena zeigten, dass der Buntspecht im Winter auch Vogelfütterungen aufsucht. Dort macht er sich insbesondere an Meisenknödeln und anderen talghaltigen Futtermitteln zu schaffen.

2.3 Rufaktivitäten

Häufigster Ruf des Buntspechtes ist ein metallisches "kick", welches von erregten Exemplaren sehr schnell wiederholt wird. Nach Beobachtungen des Verfassers im Sauerland ist es in den Spätwinter- und Frühlingsmonaten besonders häufig zu hören ist. Neben Rufen vernimmt man insbesondere zu dieser Jahreszeit auch das Trommeln des Buntspechtes mit dem Schnabel auf Holz und seltener Blech (z.B. von Dachrinnen). Der Buntspecht zeigt die von allen heimischen Spechtarten schnellsten Trommelwirbel mit 10-15 Schlägen pro Sekunde (JONSSON 1992). Biologischer Sinn des Trommelns ist die Revierabgrenzung.

2.4 Lebensraum und Verbreitung im Südwestfälischen Bergland

Der Buntspecht ist bei der Wahl seiner Habitate auf das Vorhandensein größerer und älterer Bäume angewiesen. Man findet ihn daher vorwiegend in Wäldern, aber auch in baumreichen Siedlungen mit Parks und größeren Gärten. Hinsichtlich der vorhandenen Baumarten zeigt sich der Buntspecht nicht anspruchsvoll und besiedelt zum Beispiel Buchen- und Eichenmischwälder, Schluchtwälder und ältere Nadelholzforsten. Je nach den vorherrschenden Baumarten ist allerdings das Nahrungsangebot mehr oder weniger günstig. Aus diesem Umstand resultiert eine unterschiedliche Reviergröße und eine unterschiedliche Spechtbrutdichte. Ein alter Eichenbestand kann durchschnittlich 21, ein Kiefernwald 3,5 Brutpaare pro 100 ha beherbergen (BLUME & TIEFENBACH l.c.). Große und alte Bäume dienen dem Buntspecht zur Nahrungssuche, während abgestorbene und tote Bäume zur Nahrungssuche und zur Anlage von Höhlen genutzt werden. Dabei werden neben Bruthöhlen auch Schlafhöhlen angelegt, in die sich die Spechte während der Nacht zurückziehen. Bäume mit Schlafhöhlen werden im weiteren Verlauf dieses Beitrags als Schlafbäume bezeichnet.

Aufgrund seiner Anspruchslosigkeit hinsichtlich der Baumartenzusammensetzung ist der Buntspecht im waldreichen Südwestfälischen Bergland ausgesprochen weit verbreitet und häufig. Nach REHAGE (1976) ist er im Sauer- und Siegerland die häufigste Spechtart. REHAGE (l.c.) betont, dass sein Bestand auch durch die im zwanzigsten Jahrhundert weitreichende Umstellung von Laubwald zu Nadelholzforsten nicht einbrach. Er begründet diesen Umstand mit der bereits erwähnten Anpassungsfähigkeit des Spechtes.

Abb. 3: Lebensräume des Buntspechtes auf dem Nettenscheid bei Altena: Traubeneichen-Buchenmischwald (links) und Traubeneichen-Birkenmischwald mit Rotbuchen (rechts). Fotos: Chr. Schwerdt.

Der Buntspecht zeigt im Südwestfälischen Bergland zwar eine gewisse Vorliebe für Eichen und Buchen als Nistbaum, meidet jedoch Fichten und Kiefern nicht. Bei der Nahrungssuche ist er auf verschiedensten Baumarten anzutreffen. Abb. 3 zeigt zwei Waldgesellschaften, in denen ich während der letzten Jahre regelmäßig Buntspechte beobachten konnte. Meistens waren ein oder zwei Exemplare bei der Nahrungssuche zu sehen. Auch Rufe und Trommeln der Spechte konnten bei Begehungen dieser Waldstücke festgestellt werden.

2.5 Fortpflanzung und Jahresaktivität

Die Paarbildung kann bei Buntspechten bereits im Hochwinter einsetzen und bahnt sich meist dadurch an, dass Männchen und Weibchen mit nahegelegenen Schlafbäumen miteinander in Sichtkontakt treten. In der Regel kommt es erst zu aggressivem Verhalten, bevor sich die beiden Spechte unter Rufen anzulocken beginnen. Phasen von Alocken und agressivem Verhalten können dabei mehrfach miteinander abwechseln (BLUME & TIEFENBACH l.c.), bis sich die Spechte nach und nach gegenseitig zu dulden beginnen. Ab Mitte März beginnt sich das Spechtpaar dann um eine geeignete Bruthöhle zu kümmern. Dabei wird entweder eine neue Höhle in einem toten, sterbenden oder zumindest teilweise abgestorbenem Baum angelegt oder eine vorhandene Höhle erweitert und ausgebessert. Entscheidet sich das Paar für die Anlage einer neuen Höhle, so kann der Bau zwei bis vier Wochen dauern (BLUME & TIEFENBACH l.c.). Am Boden der fertigen Höhle befindet sich eine acht Zentimeter dicke Schicht Holzspäne, die beim Bau der Höhle dorthin gelangt sind und später als Unterlage für Eier und Junge dienen.

Die Eiablage erfolgt jeweils morgens an mehreren aufeinanderfolgenden Tagen. Bei sehr schlechtem Wetter wird sie in manchen Fällen nach zwei Eiern abgebrochen. Die normale Gelegegröße beträgt dagegen drei bis sieben Eier, die je nach vorherrschender Wetterlage 8,5 bis 12 Tage lang bebrütet werden, bevor die Jungspechte ausschlüpfen. Die Zeit der Brutdauer ist im Vergleich mit anderen Vogelarten ausserordentlich kurz (BLUME & TIEFENBACH l.c.). In der Regel beteiligen sich zwar beide Geschlechter an der Bebrütung, die Hauptlast bei der Arbeit liegt jedoch beim Männchen, welches bereits nach Ablage des ersten Eis auch die Nacht in der Höhle verbringt. Nach dem Schlupf verbringen die Jungen Spechte 20 bis 24 Tage im Nest und werden in dieser Zeit von beiden Geschlechtern gefüttert. Ab dem 16 Tag der Nestlingszeit füttern die Altvögel die Jungen am Höhleneingang. Die Bettelrufe der Jungvögel sind zu dieser Zeit bereits sehr laut. Obwohl sie noch einige Zeit lang im Familienverband verbleiben, sind die jungen Spechte in der Zeit nach dem Ausfliegen besonders stark durch Räuber gefährdet (vgl. 2.6).

2.6 Lebensdauer

Die Hälfte aller jungen Buntspechte überlebt das erste Jahr nicht. Nachweise von beringten Vögeln zeigen, dass 10% der Exemplare immerhin sieben Jahre alt werden. Bereits das neunte Lebensjahr wird nur noch ausnahmsweise erreicht (BLUME & TIEFENBACH l.c.).

2.7 Biozönologie

Ökologen teilen die verschiedenen Vogelarten Mitteleuropas in Gilden ein. Kriterien für die Einordnung sind die wesentlichen Nahrungsbestandteile und die Art und Weise, wie die Nahrung erworben wird. Diese Einteilung hat zur Konsequenz, dass den einzelnen Vogelarten auch bestimmte Merkmale der Vegetation und Vergetationsstruktur zugewiesen werden können, die für ihr Vorkommen notwendig sind (Eine Ausführliche Vorstellung des Gildenkonzeptes findet sich in KRATOCHWIL & SCHWABE 2001). Die Zuweisung zu einer Gilde ermöglicht es, die biozönologischen Beziehungen einer Vogelart zu systematisieren und nach erfolgter Einteilung mit wenigen Worten zu charakterisieren. Der Buntspecht gehört zur Gilde der Stammkletterer, welche sich dadurch auszeichnet, dass sie Stämme und Äste nach tierischer Nahrung absucht. Stammkletterer sind dem entsprechend auf das Vorhandensein einer möglichst großen Anzahl großer und alter Bäume in ihrem Revier angewiesen (vgl. oben).

2.8 Beiteiligung des Buntspechtes am Nahrungsnetz im Ökosystem Wald

Nahrungsbeziehungen zwischen Organismen sind in der Regel als komplexes Nahrungsnetz realisiert, dass sich aus mehreren verzweigten Nahrungsketten zusammensetzt. Auch im Ökosystem Wald ist ein äusserst reichhaltiges Beziehungsgeflecht aus etlichen Nahrungsbeziehungen ausgebildet. Der Buntspecht ist an zahlreichen dieser Nahrungsbeziehungen beteiligt und interagiert dabei mit Räubern, verschiedenen Insektenarten sowie mit den Waldbäumen, deren Saft und Samen einen nicht unerheblichen Teil seiner Nahrung darstellen (vgl. oben).

Abb. 4: Beteiligung des Buntspechtes an verschiedenen Nahrungsbeziehungen im Ökosystem Wald. Die Pfeile weisen jeweils vom Räuber in Richtung Beute. Beim Buchdrucker handelt es sich um einen Borkenkäfer. Zeichnung: Chr. Schwerdt.

Abb. 4 zeigt exemplarisch einige Nahrungsbeziehungen, bei denen der Buntspecht einen der Interaktionspartner darstellt. Sofern es sich dabei um Nahrungsbeziehungen handelt, bei denen ein Tier das andere frisst, spricht man von Räuber-Beute-Beziehungen. Fällt der Buntspecht beispielsweise einem jagenden Habicht zum Opfer, stellt der Habicht den Räuber, der Buntspecht dementsprechend die Beute dar.

3. Literatur

BLUME, Dieter & TIEFENBACH, Jens (1992) : Die Buntspechte. Gattung Picoides. - Magdeburg: Westarp Wissenschaften.

JONSSON, Lars (1992): Die Vögel Europas und des Mittelmeerraumes.- Stuttgart: Kosmos.

KRATOCHWIL, Anselm & SCHWABE, Angelika (2001): Ökologie der Lebensgemeinschaften. - Stuttgart: Ulmer.

REHAGE, Hans Otto (1976): Die Spechte, in: FELDMANN, Reiner (Hrsg.): Die Tierwelt des Südwestfälischen Berglandes. - Kreuztal: Die Wielandschmiede.

4. Weiterführende Links

5. Kontakt

Dieser Artikel richtet sich vorwiegend an Schüler und Studenten. Leider wird er bei weitem nicht alle Fragen beantworten. Im Fall der Fälle könnt Ihr mir daher eine Mail schreiben. Für Rückmeldungen zur Qualität des Artikels oder Anregungen wäre ich ebenfalls dankbar ( Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ).

6. Dank

Dipl.-Biol. Sebastian Mildenberger, Düsseldorf, danke ich für die kritische Durchsicht dieses Beitrages.

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Zuletzt aktualisiert am Samstag, den 12. Januar 2013 um 20:15 Uhr