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Einführung in die Biologie und Ökologie des Fliegenpilzes

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1. Einleitung

Der Fliegenpilz (Amanita muscaria) ist sicher einer unserer unser auffälligsten und bekanntesten Waldpilze. Aufgabe dieses Artikels ist es, eine umfassende Einführung in die Biologie und Ökologie dieser Pilzart zu bieten. In Nord- und Osteuropa sowie in Skandinavien ist der Fliegenpilz darüber hinaus als Rauschmittel bekannt und wird zum Teil noch als solches verwendet. Ein Abschnitt dieses Beitrags ist daher seiner psychotropen Wirkung gewidmet.

2. Der Fliegenpilz

2.1 Systematische Stellung

Der Fliegenpilz zählt zur Gattung Amanita innerhalb der Wulstlingsverwandten (Amanitaceae). Die Vertreter dieser Gattung werden im Allgemeinen als Wulstlinge bezeichnet, die meisten Arten und Artengruppen haben darüber hinaus aber noch andere Namen. Neben Amanita muscaria gehören zur Gattung der Wulstlinge zum Beispiel die zT. tötlich giftigen Knollenblätterpilze (z.B. Amanita virosa und Amanita phalloides), die Scheidenstreiflinge (z.B. Amanita fulva) und der gefährlich giftige Pantherpilz (Amanita pantherina), der uns wegen seiner Ähnlichkeit mit dem Fliegenpilz in Abschnitt 2.2 nochmals begegnen wird.


Abb. 1: Fliegenpilz, junger Fruchtkörper mit typischen, auf der Huthaut verteilten Flocken. Diese Flocken werden in der mykologischen Literatur auch als Warzen bezeichnet. Sind sie um die Stielbasis oder den Hutrand herum angeordnet, spricht man grundsätzlich von einem Warzengürtel. Fundort: Begraster Forstweg in einer älterer Fichtenmonokultur (Altena, Sauerland), 08.10.2012. Foto: Chr. Schwerdt.

2.2 Merkmale

Junge Fruchtkörper der Wulstlinge sind stets vom Velum universale umschlossen. Dabei handelt es sich um eine Membran, die vom Prinzip her eine Gesamthülle darstellt. Beim Wachstum des Fruchtkörpers reißt das Velum universale auf. Seine Reste bleiben beim Fliegenpilz als Warzengürtel an der Stielbasis und in Form von Flocken auf der ansonsten glatten Huthaut erhalten. Idealtypischerweise sind diese Flocken mehr oder weniger auf der Hutoberfläche verteilt (Abb. 1 & 2). In manchen Fällen können sie sich aber auch am Hutrand konzentrieren und bilden dort ebenfalls einen Warzengürtel (vgl. Abb. 3). Selten findet man auch Fruchtkörper, bei denen die Flocken vollständig durch den Regen heruntergewaschen wurden.

Abb. 2: Fliegenpilz, älterer Fruchtkörper. Beachte den unter dem Hut erkennbaren Reif, der auch als Manschette bezeichnet wird und auf das Velum partiale zurückgeht. Fundort: Birken-Pionierwald mit eingestreuten Eichen und einigen jungen Fichten zwischen Nettenscheid und Lanferschlade (bei Altena, Sauerland), 21.09.2011. Foto: Chr. Schwerdt.

Abb. 3: Bei diesem jungen Fruchtkörper des Fliegenpilzes liegen die Reste des Velum universale als Warzengürtel am unteren Hutrand vor. Fundort: Birken-Pionierwald bei Lanferschlade (vgl. Abb. 2), 21.09.2011. Foto: Chr. Schwerdt.

Der Stiel älterer Fruchtkörper des Fliegenpilzes zeigt in der Regel einen sehr gut erkennbaren Reif. Dieser Reif geht aus dem Velum partiale hervor. Beim Velum partiale handelt es sich um eine Teilhülle, die bei jungen Fruchtkörpern die sporentragenden, an der Hutunterseite befindlichen Lamellen bedeckt. Der Hut des Fliegenpilz zeigt abgesehen von den weißen Flocken eine auffällige, leuchtend orangene bis scharlachrote Färbung. Sein Durchmesser kann bis zu 15 (-20) cm betragen. Die engstehenden Lamellen sind weiß und werden erst dann sichtbar, wenn sich das Velum partiale ganz oder teilweise abgelöst hat. Der Stiel des Fliegenpilzes ist ebenfalls weiß, bis zu 25 cm hoch und bis zu 3 cm dick. Am unteren Ende ist er zu einer Knolle verdickt. Wie bereits erwähnt, ist diese Knolle in der Regel von mehreren, auf das Velum universale zurückgehende Warzengürtel bedeckt.

2.3 Ähnliche Arten

Der Fliegenpilz kann mit mehreren anderen Wulstlingsarten verwechselt werden. Allerdings ist von diesen nur eine, der Pantherpilz Amanitha pantherina (Abb. 4), im Südwestfälischen Bergland verbreitet und häufig. Der Pantherpilz zeigt im Gegensatz zum Fliegenpilz eine dunkelbraune bis graubraune Hutfarbe, und bei älteren Fruchtkörpern einen deutlich gerieften Hutrand. Die älteren Fruchtkörper zeigen darüber hinaus mehrere deutlich erkennbare weisse Gürtelzonen, die verdickte Stielbasis zeigt statt Warzengürteln wie beim Fliegenpilz eine wulstig gerandete Knolle.

Abb. 4: Junger Fruchtkörper des Pantherpilzes (Amanita pantherina). Fundort: Forstwegböschung, bei Fichten (Altena, Sauerland), 08.10.2012. Foto: Chr. Schwerdt.

In den hercynischen Mittelgebirgen Mittel- und Südostdeutschland (z.B. Harz und Bayerischer Wald) tritt neben Fliegen- und Pantherpilz der Königsfliegenpilz Amanita regalis auf, welcher von der Hutfärbung her dem Pantherpilz ähnelt, unter der Hutdeckschicht jedoch eine schmale gelblich, gelbbraun oder grünlich gefärbte Schicht aufweist. Diese Schicht wird sichtbar, wenn man die Hutdeckschicht ablöst. Der Kaiserling (Amanita caesaria) ist vorwiegend im Mittelmeerraum anzutreffen und strahlt von dort bis nach Süddeutschland aus. Sein Hut zeichnet  dadurch aus, das er keinerlei Flocken oder Warzen besitzt. Darüber hinaus grenzt er sich von den vorher genannten Arten durch seine gelbe Lamellen- und Stielfärbung ab.

2.4 Vorkommen und Ökologie

Der Fliegenpilz findet sich fast immer in der Nähe von Fichten und Birken, wo man seine auffälligen Fruchtkörper vor allem in den Monaten August bis Oktober antreffen kann. Sein Vorkommen ausschließlich bei den genannten Baumarten gibt bereits einen Hinweis auf die Lebensweise unserer Pilzart. Es handelt sich beim Fliegenpilz um einen Mykorrhizapartner von Birken und Fichten. Die Ektomykorrhiza ist eine Lebensgemeinschaft (Symbiose) zwischen Pilzen und Waldbäumen, welche beiden Partnern Vorteile bietet. Um diese Lebensgemeinschaft einzugehen, treten die Hyphen des Fliegenpilzes mit dem Feinwurzelsystem ihrer Baumpartner in Kontakt und bilden einen Mantel um die Feinwurzelenden. Ausgehend von diesem Mantel wachsen Pilzhyphen in die Interzellulare der Feinwurzel ein. Die an der Mykorrhiza beteiligten Feinwurzeln sind kurz verdickt und zeigen eine typische, korallenförmige Verzweigung. Durch die Symbiose mit dem Pilz vergrößert sich die für den Baum nutzbare resorbierende Fläche beträchtlich. Seine Möglichkeiten zur Aufname von Wasser und Mineralstoffen werden verbessert. Darüber hinaus verbessert die Mykorrhiza die Abwehr pathogener Infektionen im Wurzelbereich des Baumes. Durch den Mantel aus Pilzhyphen wird eine Schutzschicht gegen Infektionen gebildet, Wurzelfäule- und Rotfäuleerreger gelangen nicht an die Wurzel. Wahrscheinlich werden durch den Pilz auch Antibiotika ausgeschieden, die zusätzlichen Schutz bieten. Als Gegenleistung liefert der Baum dem Pilz wertvolle organische Nährstoffe wie Kohlehydrate. Neben Fichten und Birken benötigt der Fliegenpilz saure Böden, um zu gedeihen. Er kommt daher insbesondere in Gebieten mit sauer verwitterndem Silikatgestein vor.

2.5 Verbreitung im Südwestfälischen Bergland

Der Fliegenpilz ist im Sauerland und Siegerland abgesehen von den Kalkgebieten relativ verbreitet und stellenweise häufig. Er hat insbesondere von der Einführung der Fichte ins Sauerland profitiert und ist in den heute vorhandenen großflächigen Fichtenmonokulturen regelmäßig zu finden. Darüber hinaus kommt er in Traubeneichen-Birken-Niederwäldern sowie in Birken-Pionierwäldern vor. Abb. 4 zeigt einen Standort des Fliegenpilzes zwischen Nettenscheid und Lanferschlade bei Altena (Sauerland). Die auf den Abbildungen 2 und 3 gezeigten Fruchtkörper sind an diesem Standort fotografiert worden.

Abb. 5: Standort des Fliegenpilzes auf dem Nettenscheid bei Altena. Der Birken-Bionierwald mit eingestreuten Fichten und wenigen Eichen bietet dem Pilz zahlreiche geeignete Baumpartner. Foto: Chr. Schwerdt.

3. Fliegenpilze als Rauschmittel

Obwohl der Genuss des Fliegenpilzes keineswegs harmlos ist, wurde er in verschiedenen Kulturen als Rauschmittel verwendet. Insbesondere einige sibirische Völker verwenden ihn noch heute zu diesem Zweck. Sein Konsum ist bei diesen Völkern Bestandteil schamanischer Rituale. Fliegenpilze werden für diese Rituale in der Regel getrocknet und bei Bedarf oral konsumiert (KÖHLER 2008). Die Wirkung des Fliegenpilzes ist sehr variabel und kann von Person zu Person anders erlebt werden. Geringe Dosen führen meist zu einem Gefühl der Schläfrigkeit, während höhere Dosen stimmungserhellend wirken und die Leistungsfähigkeit steigern. Darüber hinaus können Symptome wie Benommenheit, Schwindel, Stimmungsschwankungen, Konzentrationsstörungen und Halluzinationen auftreten. Diese auch als Pantherina-Syndrom bezeichnete Symptomatik resultiert aus einer äusserst komplexen Giftwirkung.

Der Hauptwirkstoff des frischen Fliegenpilzes ist die Ibotensäure, eine nicht oder sehr schwach psychoaktive, nicht proteinogene Aminosäure. Nicht proteinogen meint, dass Ibotensäure nicht wie andere Aminosäuren bei der Synthetisierung bzw. als Baustein von Proteinen Verwendung findet. Im menschlichen Körper ruft Ibotensäure Übelkeit und Erbrechen hervor. Wird der Fliegenpilz getrocknet, wandelt sich Ibotensäure durch Decarboxylierung in Muscimol um. Muscimol ist weitaus psychoaktiver als Ibotensäure und stellt den Hauptwirkstoff des Pilzes im getrockneten Zustand. Die oben beschriebene Rauschwirkung resultiert im Wesentlichen aus der Wirkung von Muscimol. Neben Ibotensäure enthalten frische Fliegenpilze auch geringe Mengen von Muscarin, welches zwar eines der bekanntesten Pilzgifte darstellt, für das Pantherina-Syndrom jedoch nicht ursächlich ist.

4. Literatur

HAUSNER, Gerlinde (1996): Pilze. Die wichtigsten Speise- und Giftpilze. - München: BLV.

KÖHLER, Thomas (2008): Rauschdrogen. - Müchen: C.H.Beck.

5. Weiterführende Links

6. Kontakt

Dieser Artikel richtet sich vorwiegend an Schüler und Studenten. Leider wird er bei weitem nicht alle Fragen beantworten. Im Fall der Fälle könnt Ihr mir daher eine Mail schreiben. Für Rückmeldungen zur Qualität des Artikels oder Anregungen wäre ich ebenfalls dankbar ( Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ).

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Zuletzt aktualisiert am Sonntag, den 30. Dezember 2012 um 02:41 Uhr