Primula elatior an einem Fundpunkt bei Altena Mühlenrahmede im April 2009. Foto: Chr.Schwerdt

Großes, über 8 Jahre altes Exemplar der Hohen Schlüsselblume an einem Gartenstandort auf dem Nettenscheid, hier angesalbt. April 2009. Foto: Chr.Schwerdt
Die Hohe Schlüsselblume ist mit ihren hellgelben Blüten, welche ab Ende März das Herz des Naturfreundes erfreuen, fast jedem Märker bekannt. Weniger bekannt sind jedoch manche Aspekte von Biologie und Ökologie dieser Pflanze, welche gerade im Märkischen Sauerland noch einige Rätsel aufgibt. Systematisch läßt sich Primula elatior jedoch gut zuordnen. Die zwittrigen Blüten besitzen 5 Kronblätter, welche miteinander verwachsen sind. Hoch interessant ist auch die sogenannte Heterostylie der Blüten. Entweder sind die Staubgefäße der Blüte lang und die Griffel kurz, unscheinbar und in die Kronröhre zurückgezogen, oder es verhält sich genau umgekehrt. Unsere Art ist folglich auf Bestäubung durch Insekten angewiesen. In den ersten milden Märztagen sind es meist langrüsselige Hummeln der Gattung Bombus, welche diese Aufgabe übernehmen. Ihr Blütenbau verrät es schließlich auch: Primula elatior zählt zur Gattung der Primeln innerhalb der gleichnahmigen Familie der Primelgewächse (Primulaceae).
Nur eine weitere Art der Gattung ist im Oberen Märkischen Sauerland vertreten: Die dottergelb blühende, schwach duftende Echte Schlüsselblume Primula veris. Sie ist bei uns auf den Massenkalkgürtel des Nordkreises und weiter im Süden auf verstreute Kalklinsen beschränkt. Die sich über diesem Gestein herausbildenden Böden, meist Rendzinen, verfügen über eine vergleichsweise geringe Wasserspeicherkapazität. Daher sind die Standorte der echten Schlüsselblume eher trocken und nur selten ist sie gemeinsam mit der Hohen Schlüsselblume zu finden.
Diese bevorzugt jedenfalls mindestens frische, oft jedoch feuchte Standorte mit einem übers Jahr möglichst gleichmäßigen Wasserangebot. Jedoch ist sie gleichzeitig basenliebend und daher relativ anspruchsvoll. In der Literatur wird P. elatior im Allgemeinen den Waldpflanzen zugerechnet. HOFMEISTER (2004) nennt sie für Buchenwaldgesellschaften und Eichen-Hainbuchenwälder, mit zunehmender Meereshöhe auch für entsprechende Nadelwaldgesellschaften. Bei ELLENBERG (1996) findet sich P. elatior als Ordnungskennart der Edellaubwälder (Fagion sylvaticae) zu denen Buchen- und Buchenmischwälder sowie Schluchtwaldtypen zählen (vgl. oben), jedoch führt er sie auch für feuchte Wiesengesellschaften an. MIEDERS (2006) nennt unsere Art für frische bis feuchte, basenreiche Wald- und Wiesenstandorte sowie Hochstaudenfluren.
Im Altenaer Raum sind die Vorkommen von Primula elatior allerdings nicht gleichmäßig auf diese Standorttypen verteilt. In den Jahren 2007 bis 2009 konnte ich die Art in Altena an 12 Fundpunkten nachweisen. Interessanterweise liegt nur ein einziger Fundpunkt im geschlossenen Wald, hier ein Eichen-Hainbuchenwald mit eingeschlossenem Schwarzerlen-Galeriewald in der Bachaue der Brachtenbecke. Nicht ein Fundpunkt liegt dagegen in den häufig artenarmen Rotbuchenwäldern des Altenaer Raumes. Die Ursache könnte in zu geringen pH-Werten, den häufig nährstoffarmen Böden und zusätzlich auch durch Lichtmangel bedingt sein (vgl. hierzu auch MIEDERS 2006). Überdurchschnittlich viele Fundpunkte liegen im Grünland, auf Wiesen und Weiden. Diese Standorte sind fast alle stark geneigt und sämtlich extensiv bewirtschaftet. An zwei Standorten wurde die Bewirtschaftung auch vollständig aufgegeben. Alle Standorte sind ungedüngt. Dass nur ein Standort in einer Kammlage liegt, mag zwei Gründe haben. Neben der oftmals geringeren Bodenfeuchte im Vergleich zu vielen Hang-, Tal-, Mulden-, und Siepenstandorten mag die häufig unter massivem Düngereinsatz betriebene Bewirtschaftung dieser Standorte eine Rolle spielen (vgl. MIEDERS 2006). Auch Südhänge bleiben unbesiedelt, was wahrscheinlich mit schlechter Wasserversorgung und häufig äusserst basenarmen Böden zusammenhängt. Besiedelt werden hingegen Gärten, welche im Bereich von Siepen und frischen bis feuchten Hanglagen liegen, ebenso wie Ruderalstandorte, z.B. an Wegböschungen und Schuttkippen, wenn nur genügend Basen und Feuchtigkeit vorhanden sind. An den Fundpunkten wurden jeweils 2 bis 38 Exemplare der Art, im Mittel etwa 12 Exemplare nachgewiesen.
Insgesamt besteht für die Autökologie der Art im Altenaer Raum jedoch noch starker Forschungsbedarf. Vor allem muß möglichst auch unter Einbeziehung historischer Quellen geklärt werden, ob Primula elatior an ihren Grünlandstandorten ein Waldrelikt darstellt, oder sich die Vorkommen erst nach der Rodung dieser Stellen etaibliert haben. Ökologische Messungen an den verschiedenen Standorttypen wären ebenso wünschenswert wie das Auffinden neuer Fundpunkte, um Areal und Arealgeschichte der Hohen Schlüsselblume in Altena und Umgebung möglichst gut erklären zu können. Eine solche Arbeit würde auch interessante Einblicke in die lokale Umweltgeschichte bieten, welche gerade in den letzten Jahrzehnten tiefgreifende Umwälzungen erlebt hat.

Diagramm 1.: Verteilung von Fundpunkten der Hohen Schlüsselblume auf verschiedene Standorttypen, welche sich hinsichtlich Relief, Bewirtschaftung und pflanzensoziologischer Einordnung unterscheiden. Allen Standorten gemein sind Frische oder Feuchte sowie relativer Basenreichtum.
Schließlich muß noch gesagt werden, dass gerade die Grünlandstandorte der Art in Altena aufgrund ihrer geringen Rentabilität potentiell durch Aufforstung bedroht sind, welche für einen Fundpunkt bereits in Planung ist. Ein weiterer Fundpunkt wird seit Jahren vom NABU Altena-Nachrodt gepflegt, aufkommende Fichten werden entfernt. Ebenfalls durch intensive Forstwirtschaft bedroht sind die Vorkommen auf Ruderalstandorten in Waldnähe. Hier wurde ein individuenreicher Bestand 2009 durch das Abladen von Grünabfall vollkommen zerstört. Die Hohe Schlüsselblume sollte daher in der nächsten Zeit vermehrt in den Fokuss von Naturschutzbemühungen rücken. Insbesondere wäre es wünschenswert, Landwirte und Waldbauern über ihre Gefährdung zu informieren, um eine eventuelle versehentliche Zerstörung von Vorkommen an Ruderalstandorten, Waldrändern, etc. zu verhindern.
Herrn Prof. Henning Haeupler, Bochum, danke ich für die kritische Durchsicht des Manuskripts.




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